Schlagzeug mischen – Teil 1

Mein Ansatz für das Abmischen eines Schlagzeuges.

Das Schlagzeug überzeugend abzumischen gilt für viele Toningenieure im Rock/Pop-Bereich als Königsdisziplin, da bei der Mischung Phasenverschiebungen berücksichtigt werden müssen.
Diese Phasenverschiebungen entstehen durch gleichzeitige Aufnahmen von mehreren Mikrofonen, die minimal zeitverschoben dasselbe Instrument aufnehmen.

Das gilt natürlich auch bei Mehrfach-Mikrofonierungen von anderen Instrumenten, doch der Transientenreiche Klang des Schlagzeuges lässt „Phasenschweinereien“ schnell hörbar werden – besonders wenn das Schlagzeug sehr direkt und laut gemischt wird (wie in der Rock/Pop-Musik). Bei mir hat sich der folgende Workflow als recht gut erwiesen, auch wenn er sicherlich noch ausbaufähig ist. Die einzelnen Schritte nacheinander abzuarbeiten, es kann allerdings sein, dass man ab und zu mal einen Schritt zurückgehen muss um die Einstellungen zu korrigieren bzw. anzupassen.

Gain-Staging

Zu Beginn wird eine korrekte Gain-Struktur hergestellt. Das klingt kompliziert, ist aber recht einfach: Die Spitzenwerte aller aufgenommenen Spuren sollten ungefähr auf gleicher Höhe sein. Dafür sucht man für jede Spur die lauteste Stelle und regelt mit dem Gain-Poti des Mischpults oder der DAW (falls nicht vorhanden, mit einem Channelstrip-PlugIn) die Verstärkung für jeden Klanal so, dass der Pegel-Ausschlag maximal ist, wenn der Fader auf der Standard-Position ist (0).

gain-staging
Abb. 1: Korrektes Leveling der Audiosignale sorgt für eine gute Gain-Struktur.

Korrektes Leveling hat den Vorteil, das man später bim Mischen noch genügend „Luft nach oben“ (Headroom) und nach unten hat. Außerdem bringt man das Audiosignal in den Bereich des Faders, wo er am genauesten regelt (Standard-Position). Ein weiterer Vorteil liegt in der Tatsache, wenn man die Schlagzeugspuren auf einen Drum-Bus schickt, dieser nicht gleich übersteuert (siehe Routing).

Nach dem Leveling, werden die Phasenlagen der einzelnen Spuren überprüft.

Phasenlagen checken

Jetzt nimmt man sich die jeweiligen Mikrofon-Spuren, mit denen Mehrfach-Mikrofonierungen vorgenommen wurden. Typische Anwärter dafür sind die Overhead-Mikrofone (Stereofonie), die Snare-Mikrofone (oben|unten) und die Kick-Drum-Mikrofone (innen|außen). Es gibt verschiedene Wege Phasenlagen zu korrigieren – am Schluss muss immer das Gehör entscheiden. Die beste Variante ist sicherlich „Phasenschweinereien“ gleich bei der Aufnahme zu verhindern – das erfordert einige Erfahrung und wird ggf. später mal in einem Extra-Post auf dieser Seite behandelt.

optische Methode in der DAW

Eine Methode in der DAW ist, bei beiden Spuren in eine Transiente hineinzuzoomen und diese bei beiden Spuren gleich auszurichten: Zeit und Amplitude. Damit ist aber noch nichts über den Klang ausgesagt. Oft entsteht der gewünschte Klang erst, wenn man eine Spur zeitlich etwas bewegt. Beide Spuren sollten auf Solo geschaltet werden, damit man die Änderungen genau hört. Diese Methode ist für den Anfang recht gut, da man auf Sicht arbeiten kann – das Gehör sollte allerdings die entscheidende Instanz sein.

akustische Methode am Mischpult

Eine Andere Methode am Mischpult ist, während des Abspielens der zwei Spuren einen Lautstärke-Fader zu bewegen, dann ist der Phacing-Effekt recht stark zu hören (wenn er denn existiert). Mit einem Delay-Effekt kann dann die betroffene Spur zeitlich nach hinten verschoben und an die andere Spur angepasst werden. Für den Erfolg dieser Methode bedarf es einiger Übung und Erfahrung. Einmal gemeistert, ist diese Methode allerdings sehr erfolgtreich, da man sich auf seine Ohren (meistens) verlassen kann.

Die Methode mit Waves „InPhase“

Ich verwende in der DAW zum Phasenlagen-Check oft das PlugIn „InPhase“ von Waves. Hier kann man mit einem Korrelationsgrad-Messer die Phasenlage anzeigen lassen. Dazu routet man die beiden Kanäle in einen Bus in dessen Insert-Slot das PlugIn „InPhase“ geladen wird. Beide Kanäle pant man jeweils nach hart links und hart rechts. Jetzt kann man bei „InPhase“ den Messprozess einschalten und wenige Sekunden später erfährt man mehr über die Phasenkorrelation beider Kanäle und kann diese bearbeiten. Das PlugIn hat den Vorteil, dass es auch die Phasenlage von Stereo-Signalen mit einem Mono-Signal messen kann. Dazu müssen allerdings beide Kickdrum- bzw. Snare-Kanäle in eine extra Gruppe (mono) geroutet werden, ebenso die Overhead-Kanäle (stereo).

Das PlugIn "InPhase" von Waves in Aktion.
Abb. 2: Das PlugIn „InPhase“ von Waves in Aktion.

Allgemeine Vorgehensweise

Ich nehme mir meist zuerst die Kickdrum-Kanäle vor, dann die Snare-Kanäle und gleiche beide dann an die Overhead-Kanäle an. Das heißt, ich ziehe die Kick- und Snare-Kanäle zeitlich an den Overhead-Stereokanal, da die Overheads den Grund-Sound des Schlagzeugs repräsentieren. Als Faustregel habe ich mir zurechtgelegt: Alle Kanäle werden an den Overheads ausgerichtet.

Falls einige Kanäle unbedingt mit Effekten bearbeitet werden müssen, mache ich das entweder vor der Phasenkorrektur oder mit phasenlinearen Effekten (EQ). Zum Beispiel bearbeite ich beide Kickdrum-Kanäle mit einem phasenlinearen EQ (Voxengo Marvel EQ): ein Kanal für den Bass.-Anteil („Wumm“) und ein Kanal für den Attack-Sound („Snap“).

Generell läßt sich zur Phasenkorrektur sagen, dass dazu einige Übung und Erfahrung notwendig ist, da die Klangänderungen meist nur subtil zu hören sind und erst im Gesamtklang so richtig der Unterscheid zu hören ist. Beim ersten Schlagzeugmix wird einem sicherlich später noch einiges auffallen. Nach der Phasenkorrektur routet man nun die Kanäle in entsprechende Busse oder Gruppen, um sie mit Effekten zu bearbeiten.

Für einen besseren Arbeitsablauf hier eine Checklist zum ausdrucken: phacing_checklist_kfk-audio.pdf

Routing einrichten

Für die verschiedenen Trommeln des Schlagzeugs werden nun wie folgt Gruppenkanäle bzw. Busse eingerichtet:

Abb. 3: Mögliches Schlagzeug-Routing.
Abb. 3: Mögliches Schlagzeug-Routing.

Panning

Die einzelnen Mono-Kanäle, die in Stereo-Busse geroutet werden sollten noch im Stereo-Panorama verteilt werden. Dabei richte ich mich meist nach den Vorgaben des Schlagzeuges die quasi in den Overhead-Kanälen gespeichert sind. Overheads panne ich immer hart nach links und rechts. Dann passe ich die HiHat und Cymbals an die Overheads an, d. h. ich panne sie dort hin, wo ich sie im Overhead Bus höre. Die Toms verteile ich meist über das gesamte Panorama. Die allgemeine Stereo-Breite des Schlagzeuges selber stelle ich dann im Drums Bus selber ein (bei mir nur machmal 100%).

Abb. 4: Mögliches Schlagzeug-Panning, auf den Cymbal-Bus und auf den Raum-Bus wurde hier verzichtet.
Abb. 4: Mögliches Schlagzeug-Panning, auf den Cymbal-Bus und auf den Raum-Bus wurde hier verzichtet.

In Teil 2 des Artikels „Schlagzeug mischen“ widme ich mich dann den Effekten und des Mixdowns.